Pädagogisch wertvolle Angeber

Ich höre total gerne Hörspielcassetten. Fünf Freunde…oder die Drei Fragezeichen. Was aber macht man, wenn man meint, alle Folgen schon in- und auswändig zu kennen? Man blättert in seiner Cassettenschublade und fördert Schätze der Kindheit zu Tage, bei denen man sich fragt, warum man diese so lange unbeachtet in der Schublade gammeln ließ.  Enid Blyton steht drauf und dass die Hörspiele nicht von The Force „Europa“, sondern von „Kiosk Hörspielcassetten“ stammen, sollte doch nicht stören, oder? Eines dieser jüngst wieder zu Tage geförderten akkustischen Meisterwerke ist „Diese Angeber“. Noch nie gehört? Hier eine kurze Inhaltsangabe:  Ein Teenieboy (oder Pre-Teen; gesprochen von der deutschen Synchronstimme von Tom Byron) und seine dämlichen muffesausigen Schwestern (vielleicht wars auch nur eine. Das tut der Sache keinen Abbruch) erforschen das düstere leerstehende Haus in der Nachbarschaft und werden von zwei bösen bösen bööööööööösen Teens (oder Preteens) entdeckt, die sie ganz fürchterlich erschrecken. Also haut man lieber ab. In der Schule dann der Schock: Die beiden sind die neuen Mitschüler. Und zu Hause der noch größere Schock: Die beiden böööösen Teenies sind die Kinder von Papas bestem Schulfreund, der – wir ahnen es bereits – in das leerstehende Nachbarhaus einziehen wird. Während sich Papa vor Freude nassmacht, rennt seine Alte vor ein Auto. Dumm gelaufen – im wahrsten Sinne des Wortes. Papa fällt dazu nix ein, außer ihr im Krankenhaus erstmal so richtig die Leviten zu lesen: „Was machst Duuuuuuuuuuu denn für Sachen…*zeigefingerwedel* Gehst einfach über die Straße ohne Dich mal umzusehen?“ Worauf sie irgendwas faselt von „sie hätte den Wagen garnicht gesehen“. Ja. Offensichtlich. Wahrscheinlich hat sie bei DEM altklugen Ehemann eher nach dem Milchmann oder dem Postboten geschaut…oder einfach einen Hydranten angehimmelt. Aber lassen wir diese kleinliche Kritik an deutscher Verkehrserziehung, denn  nun kommt die Wendung im kindlichen Krach: Die Teenies, inzwischen Nachbarn, beschnuppern sich und man stellt fest, dass die beiden bösen Teenies gar nicht so böse sind, sondern gerne Anschluß nach dem Umzug in die große böse Stadt finden würden und ob man sich nicht doch anfreunden könnte.  Was praktisch ist, denn der Unfall der tappsigen Mutter wirf die Familie in Chaos, da der Papa zu dumm zum Kochen ist.  Die Kinder müssten nun garantiert verhungern, die Katze braten, den Kanarienvogel als Brathendel verkleiden oder gar mit einem Euro ausgestattet zum Fast-Food-Restaurant gehen. Die Folgen wären klar: Fast Food. Verrohung der Sitten. Einbruch. Raub. Raubmord. Zerfall der Familie. Der Gesellschaft. Der Welt. Aber nein! Was geschieht? Wir ahnen es bereits! Da man sich nun so dolle angefreundet hat, geht man jetzt zusammen ins Bett. Die Kids werden einfach nach nebenan ausquartiert! Während Papa zu Hause den Heldentod stirbt? Nein, denn dank Tütensuppe überlebt auch er. Und als die Mutter wieder zurückkommt, findet sie mal nicht das befürchtete Chaos vor, sondern zwei Häuser, in denen soviel Wärme und Liebe und Mitgefühl und Fürsorge herrscht, dass man froh ist, dass die 45 Minuten Hörspiel endlich rum sind und man am liebesten selber vor ein Auto laufen möchte.

Eine Antwort zu “Pädagogisch wertvolle Angeber”

  1. Peter sagt:

    War mal vor ein paar Jährchen bei einer ???-Liveaufführung in Freiburg. Mit den Originalsprechern, die ja dem Teenyalter mittlerweile auch weit entronnen sind. War wirklich sehr unterhaltsam. Dabei habe ich die Hörspiele früher gar nicht gehört, wurde aber von FreundInnen mitgeschleppt, die wahre ???- und TKKG-FetichistInnen sind.